Nach langer gesundheitlicher Einschränkung stand die Möglichkeit einer Fahrt ins Ausland, zunächst einmal als Tagesausflug, im Raum. Mein bahnaffiner Sohn wünschte sich ausdrücklich Bratislava. Ich dachte zunächst an eine Runde Brno – Bratislava, hatte aber nach Durchsicht der Buchungslage wenig Lust auf einen überfüllten tschechischen Railjet und einen Platz mit Blick an die Wand im Regiojet.
Als mir noch das Programm des Draisinenrennen in Bratislava Vychod in die Hände fiel, war die Entscheidung gefallen. Früh morgens ging es, wie üblich undokumentiert mit dem mittlerweile alternativlosen 4024 nach Wien. Zügiges Umsteigen ermöglichte noch den Kauf eines Minifrühstücks am Wiener Hauptbahnhof und die schicke Karin, ein Umstand der meinen Sohn mit besonderer Freude erfüllte, ziert doch die 87fache Verkleinerung sein Modellbahndepot, brachte uns wohlbehalten und pünktlich nach Petržalka.

Die Auslastung war Samstag Morgens überschaubar.
Nach einer kurzen Suche saßen wir in der Linie 93 nach Hlavna Stanica. Ein Fundstück aus Deutschland zierte dort die Nebengleise. Ein Blick dorthin ist reine Gewohnheit und lohnt sich meistens.

Dann bestiegen wir den R20 nach Kuty um nach Lamac zu gelangen.


Warum Lamac? Wegen des Ensembles?
Wegen eines ÖBB Vectron mit älteren Schnellzugswagen? Gut wird es auch nicht mehr ewig geben! Ist aber kein Grund einen kleinen Bahnhof zwischen Devínska Nová Ves und Bratislava hl. st. zu beehren.
Hier erscheint das Objekt der Begierde. Beeindruckend was alles möglich ist, wenn der Infrastrukturbetreiber will. Argumente dagegen gäbe es zuhauf, beginnend mit der Brandgefahr. Allerdings, ein Kessewagen mit Wasser und ein Dienstwagen mit geeigneten Equipment in Blickabstand sind eine praktikable Lösung. Und die Laminatka obendrauf ein Highlight.

Und ab ins Eisenbahnmuseum der slowakischen Republik, nicht zu verwechseln mit dem Verkehrsmuseum Bratislava, ein Teil des Slowakischen Technischen Museums, welches auch einige interessante Schienenfahrzeuge beherbergt und direkt am Hauptbahnhof ist.
Die Fahrt nach Bratislava Vychod war ein nettes Erlebnis und bescherte uns die Möglichkeit an einem einzigen Tag Dampf-, Diesel- und E-Traktion zu erleben. In hl. st. bewahrheitete sich meine Vermutung, das die Reise ab Lamac eine gute Idee war. Wenn der Zug auch nicht bis zum letzten Platz gefüllt war, ein Fensterplatz wäre sich eher nicht ausgegangen.

Wie immer gab es viel zu sehen. Wie üblich wurden – zufällig oder nicht – einige moderne Fahrzeuge im Eingangsbereich drapiert. Das kenne ich eigentlich von allen Veranstaltungen in Vychod. Vorab, im Forum wurde ja der Abgang der 350.020 im Retro-Look betrauert. Keine Bange, sie ist bereits im Inventar des Nationalen Eisenbahnmuseums, gemeinsam mit drei Laminatkas, die vor der Türe noch vorbei fahren. Ja auch so kann man mit Kulturgut umgehen.


Preiswert und deftig – Slowakische Küche!

Beispiel einer der zahlreichen Modellbahnanlagen in TT.
Die wohl originellste Draisine!
Natürlich wachsen in der Slowakei die Bäume nicht in den Himmel und es gibt genug zu tun. Und dennoch, im Vergleich mit dem westlichen Nachbarland ist man um vieles besser aufgestellt. Während die 350.020 vor wenigen Jahren als Retrolok neu lackiert wurde und direkt aus dem Betrieb ins Museum fuhr, sammeln in Österreich eine Hand voll junger Leute Geld um wenigstens eine S- Bahn Garnitur zu erhalten, die nicht nur das Wiener S Bahn System jahrzentelang prägte. Dieses Ziel wurde – vorbehaltlich der Preisvorstellungen des Verkäufers – erreicht. Die Krux dabei: die bloße gesicherte Hinterstellung für 10 Jahre würde das Zehnfache der kalkulierten Anschaffungskosten einer Garnitur ausmachen, dieses Spendenziel ist, im Gegensatz zur zweiten Garnitur, in weiter Ferne. Ich habe genug Erfahrung um zu wissen, das diese hohe Summe sehr optimistisch ist.
Auch die Veranstaltung sprach, wie auch die überschaubare Sonderfahrt, ein breites Publikum an. Für Fotohalte bei denen der Zug gefühlt mehr Rückwärts als Vorwärts fährt und stundenlange Fahrten durch malerische Landschaften auf Holzbänken kann sich eben nur ein sehr beschränkter Kreis begeistern. Ob solche Fahrten auch angeboten werden müssen andere recherchieren, auch ich trinke lieber ein Bier im Speisewagen oder genieße eine kleine Rundfahrt, hier zähle ich mich zum Normalpublikum. Und genau das war in der Überzahl – trotz brütender Hitze, trotz mehrerer Fahrten im Jahr und trotzt mehrerer Badeseen im Stadtgebiet.
Schön auch, dass die P.O.H.É.V. Eg6 hier heimgekehrt ist.

Danach ging es zurück in die Stadt. Der Túlavá (Streuner) brachte uns zurück zum Hauptbahnhof, womit wir nun die Dieseltraktion abhaken konnten.
Hier noch einmal der Löschzug!

Unsere einzige Begegnung mit T6A5 – am Wochenende reichen die 29T und 30T aus.

Eine gute Idee, Nachahmung erwünscht! Vor allem praktisch wenn 7 Minuten steht und man sich noch bequem ein Bierchen kaufen kann.
Nun fuhren wir mit der Linie 44 ein wenig Trolleybus. Sowohl die Burg, als auch der Fernsehturm sind mit diesem Trolleybus erreichbar, letzterer jedoch nur mit einem knackigen Fußmarsch ab der Endstation Koliba. Bei der vorherrschenden Hitze eher nicht, also zurück mit dem Bus zum Hauptbahnhof und mit der Tram ins Zentrum. Wobei die heutige 1 so neu nicht ist, gab es doch die identische Linienführung schon in den 90ern als 13, zeitweise auch die einzige Linie zum Bahnhof und eine sicher Bank für K2. Lange ist es her.



Wilde Bande!
Den Nachmittag verbrachten wir in der Tram und fuhren auch mit der 9 durch den Tunnel bis Kalova Ves. Spontan entschieden wir noch Richtung Nove Mesto mit der 4 zu fahren, wobei nicht der gleichnamige Bahnhof sondern die Kuchajda, ein künstlicher See, zum Zwecke der Abkühlung. Danach ging es zurück in die Innenstadt in die vorzügliche Städtische Brauerei.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit einem Bild in die Zukunft der slowakischen Eisenbahn. Ja, in vielerlei Hinsicht genau wie anderswo in Europa. Und dennoch blicke ich hier ein bisschen optimistischer in die Zukunft, denn ich kann mich gut erinnern als 1993 niemand an dieses Land glauben wollte. Viele Irrwege und Possen später steht dieses kleine Land in Europa gar nicht so schlecht da. Und das der Eigensinn der Menschen hier nicht jede Wendung schlank mitmacht, kann gelegentlich befremden, ist mir aber nicht zwangsläufig unsympathisch. Doch das letzte Wort gehört meinem Sohn der „Zehn von zehn“ Punkten vergab. Na dann!
Liebe Grüße
Werner
